Das Braune Langohr – Tier des Jahres 2012

Pro Natura kürt das Braune Langohr (Plecotus auritus) zum Tier des Jahres 2012. Tagsüber schläft es, nachts jagt es unermüdlich Insekten.
 

Als «Vögel der Nacht» leisten Fledermäuse einen wichtigen Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht in der Natur. Im Gegenzug sind sie auf vielfältige Lebensräume angewiesen.

 

Fledermäuse sind die heimlichen Nachbarn: Tagsüber verstecken sie sich in Baumhöhlen, Ritzen und Spalten, manche wohnen unbemerkt in unseren Häusern. Wer sind diese sonderbaren Wesen, nicht Vogel und nicht Maus? 


Fliegen mit den Händen
Aktiv fliegen: für Säugetiere ein Privileg © Dietmar Nill
Aktiv fliegen © Dietmar Nill

Fledermäuse gehören zur Ordnung der Chiroptera – Handflügler. Diese können als einzige Säugetiere aktiv fliegen. Mit Mittelhand- und Fingerknochen spannen sie ihre elastischen Flughäute auf.
 

Weltweit sind über 1100 Fledertierarten bekannt, die in 60 Millionen Jahren eine erstaunliche Vielfalt an ökologischen Nischen eroberten. In den Tropen gibt es neben den Insektenjägern auch Fleisch-, Fisch-, Früchte-, Blatt- und Pollenfresser. Fledermäuse in der Schweiz ernähren sich ausschliesslich von Insekten und anderen Gliederfüsslern wie Spinnen und Weberknechten. Bis heute wurden in der Schweiz 30 Fledermausarten nachgewiesen.

Sehen mit den Ohren
Mit Ultraschall auf Insektenjagd © Dietmar Nill
Auf der Jagd © Dietmar Nill

Pfeilschnell jagen Fledermäuse durch die Dunkelheit und schnappen zielsicher nach Insekten. Möglich macht dies ein raffiniertes Ultraschallsystem: Durch Mund oder Nase stösst die nächtliche Jägerin kurze, für Menschen nicht hörbare Rufe aus. Diese Ultraschallsignale werden von Hindernissen wie Bäumen, Zweigen und Mauern, aber auch von Beutetieren reflektiert und von den Ohren der Fledermaus wieder aufgefangen. So entsteht ein präzises Hörbild der Umgebung. Langohren beherrschen einen zusätzlichen Trick: Sie orten ihre Beute anhand von Krabbelgeräuschen. Ihren riesigen Ohren entgeht auch nicht das leiseste Rascheln.

Falterfresser und Flugakrobat
Das Braune Langohr trägt seinen Namen zu Recht © Dietmar Nill
Falterfresser © Dietmar Nill

Das Braune Langohr (Plecotus auritus), Tier des Jahres 2012, misst von Kopf bis Rumpf etwa fünf Zentimeter. Seine riesigen Ohren, die es einzeln bewegen kann, sind beinahe so lang wie sein Körper. Es bringt lediglich 5 bis 12 Gramm auf die Waage, bei einer Flügelspannweite von rund 24 Zentimetern.
 

Bei der Jagd erbeuten die wendigen Flugakrobaten hauptsächlich Nachtfalter. Darunter auch Waldschädlinge wie Eichenwickler und Schwammspinner. Weiche Käfer, Schnaken, Raupen und Spinnen stehen ebenfalls auf ihrer Menükarte. Wie ein Turmfalke kann das Braune Langohr im Rüttelflug an Ort verharren und seine Beute direkt von Blättern, Gräsern und Baumrinde absammeln. Die breiten Flügel erlauben gar Pirouetten und Loopings. Erbeutet das Langohr grosse Falter, verzehrt es diese im Hängen an einem Frassplatz. Unverdauliche Teile wie Flügel, Beine und Fühler lässt es zu Boden fallen. 

Schöner Wohnen im Wald
Braune Langohren brauchen: vielfältige Wälder mit Baumhöhlen © Klaus Bogon
Baumhöhle © Klaus Bogon

Das Braune Langohr gilt als typische Waldfledermaus. Wie sieht der ideale Fledermauswald aus? Er bietet ein Mosaik aus geschlossenen und lichten Waldabschnitten, Laub- und Mischwald, jungen und alten Bäumen sowie Totholzinseln mit vielen Höhlen und Rissen in den Stämmen, die Fledermäusen tagsüber als Verstecke dienen. In strukturreichen Wäldern leben auch unzählige verschiedene Beuteinsekten.
 

Braune Langohren jagen nachts, mit Vorliebe im Wald. Wichtige Jagdgebiete sind zudem Hochstammobstgärten, Hecken und naturnahe Wiesen, wenige 100 Meter vom Tagesschlafplatz entfernt. Dieser befindet sich in einer Baumhöhle oder im Dachstock von Kirchen, Fabriken, Schul- und Wohnhäusern. Hier ziehen die Weibchen während des Sommers ihre Jungen auf, in so genannten Wochenstuben. Da Fledermäuse in der Regel nur ein Jungtier pro Jahr zur Welt bringen, sind ihre Populationen besonders verletzlich. Es dauert Jahrzehnte, bis sich eine geschwächte Art erholt.

Abhängen in der Kälte
Der Winter wird kopfüber verschlafen © Dietmar Nill
Im Schlaf © Dietmar Nill

Zum Schlafen biegen Langohrfledermäuse ihre Ohren nach hinten und klemmen sie zwischen Unterarme und Körper. So erkennt man nur den vorstehenden Ohrdeckel, Tragus genannt.
 

In der kalten Jahreszeit ziehen sich Fledermäuse in frostsichere Quartiere zurück. Der Körper wird abgekühlt und die Körperfunktionen auf ein Minimum reduziert. So können zwischen zwei Atemzügen bis zu 90 Minuten verstreichen. Auch die Herzfrequenz wird stark gesenkt. Damit die Tiere während des Winterschlafs nicht austrocknen, muss das Quartier genügend Luftfeuchtigkeit aufweisen. Bekannte Winterquartiere sind Höhlen, Felsspalten, Tunnels und Keller mit Naturböden.
 

Im Winter sind Fledermäuse nicht völlig reglos. Manchmal verändern sie ihre Schlafposition oder sie wechseln, wenn es zu warm oder zu kalt ist, das Quartier. Jedes Aufwachen zehrt jedoch an ihren knappen Fettreserven. So entspricht eine Stunde Wachsein dem Energieverbrauch von rund elf Tagen im Winterschlaf. Bis zum Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird und das Nahrungsangebot steigt, sollten schlafende Fledermäuse nicht gestört werden.

Fledermäuse brauchen Vielfalt
Vernetzt: Obstgärten und Hecken dienen als wichtige Flugstrassen © Klaus Bogon
Obstgarten © Klaus Bogon

In der Schweiz ist das Braune Langohr vom Flachland bis in die Bergregionen verbreitet. Dennoch gilt es als gefährdet, wie fast alle der rund 30 einheimischen Fledermausarten. Durch intensive Nutzung der Landschaft verschwinden immer mehr Obstgärten, Hecken und Feldgehölze, die Fledermäusen als Jagdgebiete und wichtige Orientierungspunkte beim Fliegen dienen. Baumhöhlen sind in unseren stark genutzten Wäldern Mangelware; Alt- und Totholz werden ausgeräumt. Intensive Landwirtschaft schmälert den Insektenreichtum.

 

Mit der Wahl des Braunen Langohrs zum Tier des Jahres 2012 ruft Pro Natura dazu auf, die Vielfalt der Lebensräume zu bewahren und zu verbessern. Biodiversität – jede Art zählt!

Was macht Pro Natura?
Pro Natura – für vielfältige Lebensräume! © Christoph Oeschger
Für vielfältige Lebensräume

Pro Natura setzt sich für vielfältige Wälder ein – mit Waldschutzprojekten und auf politischer Ebene. Fledermäuse brauchen strukturreiche Wälder, in denen Alt- und Totholz vermehrt stehen und liegen bleiben.

 

Pro Natura fördert mit dem Label «Hochstamm Suisse» den Erhalt von Hochstamm-Obstbäumen in der Schweiz. Für Fledermäuse sind Hochstamm-Obstgärten doppelt wichtig: als Jagdgebiete und als Leitstrukturen beim nächtlichen Fliegen.

 

Pro Natura kämpft für eine naturverträglichere Landwirtschaftspolitik. Mehr ökologische Ausgleichsflächen und weniger Pestizide verbessern den Insektenreichtum und damit das Nahrungsangebot für Fledermäuse.

 

Pro Natura engagiert sich für naturnahe Fliessgewässer, die Fledermäusen ein reichhaltiges Insektenangebot liefern.

 

Pro Natura ist an über 600 Naturschutzgebieten in der ganzen Schweiz beteiligt. Unser Ziel: Mehr Natur – überall!

Kurzfilm zum Braunen Langohr