Auried 2021
Naturschutzgebiet

Aufzeichnung Online-Vortrag Schutzgebiete

Schutzgebiete sind für das Überleben zahlreicher Tier- und Pflanzenarten zentral. Was für Schutzgebiete hat die Schweiz heute und wie wird daraus ein funktionierendes Schutzgebietsnetz? An diesem Online-Vortrag zeigt Biologe und Autor Urs Tester, wie dies gelingen kann.

Wussten Sie, dass zwei Drittel aller einheimischen Arten in Schutzgebieten vorkommen, obwohl diese nur wenige Prozente unserer Landesfläche ausmachen? Ein gut funktionierendes Schutzgebietsnetz ist für die Erhaltung unserer Naturvielfalt zentral. Doch leider ist das nicht die Realität. Die Schweiz hat ein unübersichtliches Gewirr von vielen meist sehr kleinen und schlecht funktionierenden Schutzgebietchen, die wenig Beachtung finden.

In seinem Vortrag nimmt uns Biologe Urs Tester mit in den Dschungel der Schweizer Schutzgebiete und zeigt auf, wie daraus für Mensch und Natur ein wirksames und attraktives Schutzgebietsnetz entstehen kann. Urs Tester muss es wissen. Als Leiter der Abteilung «Biotope und Arten» bei Pro Natura setzte er sich 33 Jahre lang in der Praxis mit der Thematik auseinander. Er ist Autor des neu erschienen Buches «Welche Schutzgebiete braucht die Schweiz». Pro Natura sichert als grösste private Akteurin über 800 Naturschutzgebiete in der Schweiz. Wir erarbeiten Managementpläne für diese Flächen, setzen diese um und verstehen uns als Vorreiterin für wirkungsvolle Schutzgebiete von höchster Qualität.

Ein kurzweiliger Online-Abend voller Aha-Erlebnisse 

Tauchen Sie mit uns ein in das Kernthema von Pro Natura, die Schaffung und Pflege von Naturschutzgebieten. Wir verraten Ihnen: 

  • Wie die Natur von hochwertigen Schutzgebieten profitiert und warum die fehlende Übersicht bei den Schweizer Schutzgebieten schmerzlich fehlt 
  • Wie gross die Vielfalt (und Verwirrung) nur schon in der Bezeichnung geschützter Flächen ist 
  • Wie der Weg zu mehr Klarheit und Wirksamkeit in der Schweizer Schutzgebietspolitik aussieht 
  • Warum die ganze Schweizer Bevölkerung beim Thema Schutzgebiete eine tragende Rolle spielt 

Nach dem Referat reservieren wir viel Platz für Ihre Fragen. Nutzen Sie auch gerne die Möglichkeit, Ihre Fragen bei der Anmeldung direkt mitzuschicken.  

Aufzeichnung

Helfen Sie der Natur!

Der Vortrag zeigte klar auf: Wir alle sind gefragt und können etwas tun:

Fragen & Antworten zum Vortrag

Gibt es eine Möglichkeit eine Fläche (z.B. Strasse, Zugstrecke oder grosse Parzelle) mit allen unter Swisstopo aufgeführten Schutzgebieten zu schneiden?

Pro Natura hat genau das ausprobiert. Leider stehen noch nicht alle Perimeter der Schutzgebiete in einer Form zur Verfügung, welche eine vollständige Übersicht ermöglicht. Die Perimeter der nationalen Schutzgebiete und die Perimeter der Pro Natura Naturschutzgebiete stehen aber “open access” zur Verfügung.

Wieso gibt es unter der Wasseroberfläche keine Schutzgebiete, obwohl die Artengruppe der Fische so stark bedroht ist?

Es gibt Gewässerschutzgebiete. Dazu gehört beispielsweise der Baldeggersee. Die Lebensgemeinschaft eines Gewässers wird jedoch sehr stark durch Einflüsse von Aussen wie Dünger, Pestizide, Wasserqualität und Wassertemperatur beeinflusst. Der Schutz eines Gewässerabschnittes hat deshalb nur einen begrenzten Einfluss auf die Gemeinschaft der Wasserlebewesen.

Freie Flächen sind Mangelware in der Schweiz. Durch das stetige Bevölkerungswachstum steigt auch der Landverbrauch und damit die Interessenkonflikte. Wie können bei diesen Bedingungen bestehende Schutzgebiete im Mittelland überhaupt noch vergrössern?

Diese Herausforderung haben auch andere dicht besiedelte Länder wie beispielsweise Belgien oder Dänemark. Diese haben zudem keine grossen, wenig besiedelten Flächen, wie es die Schweiz in den Alpen hat.

Wie auch im Mittelland Schutzgebiete vergrössert werden können, können wir mit drei Fallbeispielen zeigen: In der Gemeinde Seedorf (BE) konnte das Schutzgebiet «Lobsigensee» dank der Zusammenarbeit mit den Landwirten vergrössert werden. In Sins (AG) konnte durch Kauf und Abtausch von Flächen die Reussauen renaturiert werden, was auch den Hochwasserschutz verbessert. Wie soll es im Dreiseeland (BE,FR;VD) weitergehen, wenn die Qualität der Böden laufend abnimmt und diese wieder vernässen? Dazu gibt es eine Webseite Vision-3-Seeland

Warum darf in Schutzgebieten überhaupt gejagt werden?

Mit dem Schweizerischen Nationalpark, den eidgenössischen Jagbanngebieten, kantonalen Jagdbanngebieten und den Wasser- und Zugvogelreservaten gibt es eine ganze Reihe von Schweizer Schutzgebieten, in welchen die Jagd nicht erlaubt ist. Schutzgebiete ohne Jagd sind für die Erhaltung seltener Säugetier- und Vogelarten wichtig. Diese Errungenschaft kennt man in anderen europäischen Ländern nicht. Der grösste Teil der Schweizer Schutzgebiete ist sehr klein. Da hätte ein Jagdverbot keine Wirkung.

Wie kann ich mein Land in ein Naturschutzgebiet umwandeln?

Eigentümer:innen von Land haben auf die Nutzung und Gestaltung ihres Grundstücks sehr viel Einfluss. Sie können ihr Grundstück so gestalten, dass die Natur davon profitiert. Diese Möglichkeit nutzt auch Pro Natura als Eigentümerin von zahlreichen Gebieten in der ganzen Schweiz. Ein rechtlicher Schutz des Gebietes kann nur der Bund der Kanton oder die Gemeinde erlassen.

Vernetzte Minischutzgebiete (kleine Trittsteine wie eine Hecke, Naturwiese, Böschung) im Siedlungsraum: Bringt es etwas, wenn man sich dafür einsetzt?

Ja, kleine naturnahe Flächen sind wichtig als Trittsteine oder Vernetzungsachsen. Sie sorgen dafür, dass die Verbindung zu den grossen, zusammenhängenden Gebieten (meistens sind das Schutzgebiete) funktioniert. Damit das Ganze funktioniert, braucht es in der Schweiz grössere, zusammenhängende Schutzgebiete.

Schutzgebiet "Rotte" bei Oberwald/Goms: schlechte Erfahrungen im Jahr 2020: kein Mensch hatte eine Ahnung, dass dies ein super interessantes Gebiet ist und verhielten sich dementsprechend (pos. und neg.)

Ihre Erfahrung überrascht mich nicht. Bei meinen Wanderungen erlebe ich häufig unliebsame Überraschungen in Schutzgebieten. Ich dokumentiere diese und leite meine Beobachtungen an die für das Schutzgebiet zuständige Stelle weiter. Martin Luther hat gesagt: Und wenn Morgen die Welt untergeht, werde ich heute trotzdem noch ein Apfelbäumchen pflanzen....

Als Ranger in Ausbildung kann ich von verschieden Quellen bestätigen, dass es Herausforderungen gibt, eine Stelle zu finden. Finanzen sind nicht vorhanden oder nicht geplant. Welche weiteren konkreten Argumente für mehr Ranger gibt es?

Wichtigster Punkt: Lass Dich nicht entmutigen. Als ich mit meiner Biologieausbildung begann, hat man mir gesagt, es gäbe keine Stellen für Biologinnen und Biologen. Ich hoffe sehr, dass in der nächsten Zeit mehr und mehr Schutzgebiete die Vorteile des Rangerdienstes nutzen. Weil in vielen Schutzgebieten das Besucher:innenaufkommen saisonal und von Wochentag zu Wochentag unterschiedlich ist, sind Rangerstellen häufig saisonaleTeilzeitstelle mit einem hohen Anteil Wochenendarbeit. Die Kenntnisse und Fähigkeiten eines Rangers sind zudem bei verschiedenen anderen Aufgaben eine hervorragende Grundlage.

Mehr Fördermittel mit mittelfristigen Bewirtschaftungsverträgen 6-8 (ohne spezielle Verbote etc.) als langfristige Schutzgebiete sind akzeptierter, attraktiver und daher wirksamer. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Wenn Sie die Naturvielfalt auf einer bewirtschafteten Fläche fördern wollen, dann muss die Bewirtschaftung so ausgelegt werden, dass das möglich ist. Ich gehe mit Ihnen einig, dass man das am Besten im Dialog mit dem Landwirt, der Landwirtin erreicht. Naturschutz mit einvernehmlichen Vereinbarungen kann sehr erfolgreich sein. Was geschieht aber, wenn man damit keinen Erfolg hat?

Welche Bedeutung haben "wilde" Gärten in Siedlungen für die Vernetzung von Schutzgebieten. Für Vögel und Insekten wohl mehr als für Pflanzen?

Ganz generell: Jeder Quadratmeter Natur zählt. Was in einem solchen Naturgarten wächst, kreucht und fleucht, ist in jedem Garten anders und verändert sich auch von Jahr zu Jahr. Lassen Sie sich durch die Vielfalt der Natur überraschen! Zu unseren Naturtipps für Garten und Balkon