Waldbrände, Überschwemmungen, Erdrutsche: extreme Naturereignisse nehmen zu
Schwere Stürme, Trockenheitsphasen und Waldbrände hinterlassen Spuren in der Natur und an unserer Infrastruktur. Diese reichen von umgestürzten Bäumen über einen gesperrten Wanderweg bis hin zu Kosten in Milliardenhöhe.
Naturereignisse sind normal. Sie gehören zum natürlichen Kreislauf und gestalten die Natur. Doch die Klimakrise verstärkt solche Naturereignisse. Sie führt dazu, dass sie häufiger eintreten:
- Grössere Trockenheit, wie wir sie in den Sommern seit der Jahrtausendwende erlebt haben, erhöht beispielsweise die Waldbrandgefahr.
- Starkniederschläge, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweiz überdurchschnittlich oft und heftig registriert worden sind, können Überschwemmungen oder Erdrutsche auslösen.
- Der Gletscherschwund und der Rückgang des Permafrosts, beides offensichtliche Folgen der Erwärmung unseres Klimas, setzen ganze Gebirgsmassen in Bewegung.
Es ist der Mensch, der das Klima zerstört. Pro Natura bekämpft diesen Prozess entschieden und engagiert sich national und international für eine wirksame Klimapolitik, die den viel zu hohen CO2-Ausstoss markant senken muss. Doch der Wandel des Klimas ist längst im Gang, die zunehmenden Naturereignisse sind Zeugen dieser Entwicklung. Deshalb stellt sich für den Naturschutz die Frage:
-
iStock_vsviridova
Wie gehen wir mit den Folgen von extremen Naturereignissen um?
«Störungen» schaffen Lebensräume
Natürliche Dynamik wird häufig ausschliesslich als Zerstörung wahrgenommen und als Schaden bezeichnet. Doch: Diese «Störungen» schaffen auch neue Lebensräume und Strukturen, wie sie in der Schweiz selten sind; beispielsweise lückig bewachsene Sand- und Kiesflächen oder Pionierwälder. Gewisse Arten sind für ihr Überleben sogar auf diese Dynamik angewiesen.
Natur mit unerwarteter Regenerationskraft
Erfahrungen aus vergangenen grossen Naturereignissen haben gezeigt, dass die Natur einige Überraschungen bereithalten kann. Nach den grossflächigen Windwürfen durch den Sturm Lothar im Winter 1999 wurde beobachtet, dass auf fast allen vermeintlich «zerstörten» Flächen wieder junger Wald aufwächst. Beim Waldbrand in Leuk von 2003 verbrannten auf einem grossen Teil der Fläche sowohl die Bodenvegetation als auch die Baumkronen. Bereits nach wenigen Jahren war die Fläche durch Krautpflanzen und Baumkeimlinge wieder besiedelt. Mit der Zeit sind nach den rasch wachsenden Pionierpflanzen aber auch die vorher häufigen Eichen und Föhren wieder zurückgekommen. Die Natur zeigte in diesen Fällen eine unerwartete Regenerationskraft.
-
Adobestock Matteo F.
- Natürliche Ereignisse wie Sturm, Blitzschlag oder ein Erdrutsch können Einzelbäume oder ganze Waldflächen abrupt und tiefgreifend verändern. So entstandene Pionierflächen gehören vorübergehend zu den artenreichsten Lebensräumen im Wald.
Naturschutzmassnahmen und natürliche Dynamik ergänzen sich
Das Zulassen von natürlicher Dynamik soll selbstverständlich nicht zu einer Gefährdung von Menschen führen. Entscheidend ist aber auch, solche Flächen als einen weiteren Beitrag für mehr natürliche Vielfalt zu betrachten. Das ist keine Absage an traditionelle Landschaftspflege. Beide Ansätze – sowohl gezielte Naturschutzmassnahmen als auch das Zulassen von natürlicher Dynamik – sind in unseren vom Menschen geprägten Landschaften wichtig für eine vielfältige Natur. Auch Pro Natura führt in der Mehrzahl ihrer rund 800 Naturschutzgebiete notwendige Pflegemassnahmen durch. In mehreren, vorwiegend grossräumigen Schutzgebieten kann sich die Natur aber frei entwickeln.
Einige extreme Naturereignisse und Naturentwicklungen in der Schweiz
Erfahren Sie spannende Fakten aus der Forschung an vergangenen Naturereignissen in der Schweiz:
Am 13. August 2003 brannten oberhalb von Leuk (VS) über 3 Quadratkilometer Wald nieder. Die Ursache war nicht natürlicher Art — es handelte sich um Brandstiftung —, doch natürlich war die Dynamik, die nach diesem Ereignis einsetzte. Denn aus Kostengründen wurde entschieden, auf eine Wiederaufforstung grösstenteils zu verzichten und somit der natürlichen Entwicklung freien Lauf zu lassen.
Diese liess nicht lange auf sich warten:
- Nach drei Jahren waren drei Viertel der verkohlten Oberfläche wieder grün.
- Forschende der WSL fanden auf der Fläche innert zehn Jahren 560 Pflanzenarten und fast 2000 (!) Arten von Insekten, Spinnen und Asseln, darunter Käferarten, die sonst in der Schweiz noch kaum je gesichtet worden sind.
- Viele bedrohte oder seltene Vogelarten wie Wendehals, Gartenrotschwanz oder Steinrötel besiedelten das verbrannte Gebiet in hoher Zahl.
Die offene Fläche und die durch das Feuer freigesetzten Nährstoffe boten ideale Voraussetzungen für eine üppige Naturentfaltung.
Der aussergewöhnliche Zustand ist jedoch nicht von Dauer, denn der Wald erobert sich das Terrain zurück: Bereits im zweiten Jahr keimten viele Laubbäume, deren Samen vom Wind herangetragen wurden. Die meisten der verkohlten Flaumeichen schafften es sogar, wieder auszuschlagen. In den tieferen Lagen der Brandfläche wächst anstelle des bisherigen Nadelwaldes ein Laubwald — eine klimabedingte Entwicklung, die andernorts im Wallis ebenfalls abläuft, wenngleich wesentlich langsamer. Die natürliche Dynamik nach dem Waldbrand bot also nicht nur eine seltene «Happy Hour» für die Biodiversität, sondern hinterlässt langfristig einen Wald, der dem künftigen Klima besser angepasst sein wird.
68 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schossen am Abend des 12. Mai 1999 durch die Bünz. Im Jahresdurchschnitt sind es 1,1 Kubikmeter. Diese enormen Wassermengen veränderten innerhalb weniger Stunden einen Talabschnitt dieses Bachs, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf weiten Strecken in ein enges Korsett gedrängt wurde. Bei Möriken (AG), einem Bereich mit etwas mehr Gefälle, begannen die Ufer zu erodieren. Zeitgleich wurden durch einen Rückstau die umliegenden Ackerböden geflutet, dadurch wurde dort das Land abgeschwemmt.
Es entstanden neue Seitenarme und bald mass das ursprünglich acht Meter breite Bachbett 40 bis 50 Meter Breite. Rund vier Hektaren Kulturland und 12 000 Kubikmeter Material wurden in einer Nacht umgelagert oder weggeschwemmt. Zu viel, als dass die früheren Verhältnisse hätten wiederhergestellt werden können. Deshalb entschieden verschiedene kantonale Fachstellen, eine Auenlandschaft entstehen zu lassen. Durch Tausch oder Kauf konnten 20 Hektaren in den Besitz des Kantons und 27 Hektaren in den Besitz der Standortgemeinden überführt werden. Weitere Hochwasser 2007 und 2015 haben die Aue wieder neu modelliert.
Der Schweizerische Nationalpark (SNP) wurde anfangs des 20. Jahrhunderts gegründet, um ein Stück «ursprüngliche Alpennatur» sich selbst zu überlassen und die natürliche Entwicklung wissenschaftlich zu dokumentieren. Prozessschutz gehört neben dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Lebensräumen zu den zentralen Zielen des SNP. Zu diesen Prozessen gehören auch Lawinen. Für viele Menschen ist es schwer nachvollziehbar, was das Erstrebenswerte an einem Lawinenniedergang sein soll und weshalb der SNP keine Massnahmen gegen «Lawinenschäden» ergreift.
Der SNP muss sich deshalb der Herausforderung stellen, den Sinn von Prozessschutz zu erklären. Dank der Forschung weiss man, dass Lawinen nicht nur Zerstörung bringen, sondern einen dynamischen Faktor im natürlichen Kreislauf darstellen. Lawinen schlagen Schneisen in die Bergwälder, schaffen dadurch neuen Lebensraum für lichtbedürftige Pflanzen- und Tierarten und wirken als Katalysatoren der Biodiversität. So kann eine artenreiche Kraut- und Strauchschicht entstehen, die auch vielen Insekten Nahrung und Lebensraum bietet. Deshalb erstaunt es nicht, dass gemäss einer Studie des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts SLF in Lawinenschneisen dreimal mehr Arten leben als im angrenzenden Wald.

Sucht man online nach «Derborence», sind die Mehrheit der Treffer Ausflugstipps. Die Beschreibungen strotzen vor Superlativen, vor allem zur Schönheit der wilden Landschaft. Hätte man im 18. Jahrhundert die Bewohner:innen der benachbarten Dörfer gefragt, wäre die Reaktion eine andere gewesen. Denn die Menschen hatten Angst vor den Naturgewalten im Walliser Hochtal. In den Jahren 1714 und 1749 ereigneten sich dort zwei verheerende Bergstürze. Diese überschütteten einen grossen Teil der früheren Alpenweiden und Alpgebäude mit bis zu 100 Meter hohem Geröll und stauten einen See auf: den Lac de Derborence. Das Bergmassiv, aus dem sich die Felsmassen lösten, wurde von den Einheimischen deshalb in «Les Diablerets», die Teufelshörner, umbenannt. Einzelne Felsbrocken donnerten auch nach den grossen Bergstürzen regelmässig ins Tal, deshalb mieden Einheimische fortan diese gefährliche Gegend.
Somit entwickelte sich an den Hangflanken während 300 Jahren einer von nur drei Urwäldern in der Schweiz. Das Totholz der abgestorbenen und teils umgestürzten Baumriesen bietet einen Lebensraum, der in der Schweiz sehr selten geworden ist. Mittlerweile erschliesst eine abenteuerliche Zufahrtsstrasse das Tal, und im Sommer finden zahlreiche Besucher:innen auf einem kleinen Pfad im Wald und am See Erholung. Im Winter aber ist die Strasse geschlossen und das Tal immer noch so wild, wie es während mehreren Hundert Jahren war.
Extreme Naturereignisse: positiv nur bis zu einem gewissen Grad
Treten extreme Naturereignisse wie Waldbrände, Überschwemmungen, Erdrutsche zu häufig auf, kann sich die Natur nicht mehr regenerieren. An vielen Orten der Welt lassen sich die tragischen Konsequenzen dieser Entwicklung bereits feststellen. Dürren, Stürme oder Überschwemmungen haben schon ganze Landstriche unbewohnbar gemacht und zu grossen Flüchtlingsströmen geführt. An einer griffigen Klimapolitik zur Abwendung der Klimakrise ist deshalb unbedingt festzuhalten.

Die Auswirkungen der Klimakrise machen sich global und auch in der Schweiz immer stärker bemerkbar: Unsere Gletscher schmelzen, extreme Wetterereignisse häufen sich, Niederschläge bleiben aus. Wir müssen jetzt den Klimaschutz angehen. Die Biodiversität nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein.